
Unfalluntersuchung: Warum „Unachtsamkeit” keine Ursache ist
Der fundamentale Attributionsfehler und was er mit Ihren Maßnahmen macht
Ob Arbeitsunfall, Kundenreklamation oder Never Event in der Klinik: Dieser Denkfehler passiert überall dort, wo Menschen Ursachen untersuchen.
Die Szene kennen Sie
Es ist 14:37 Uhr. In Ihrer Produktion hat ein Mitarbeiter beim Umrüsten einer Maschine einen Sicherheitsschritt übersprungen. Resultat: ein Arbeitsunfall, zum Glück glimpflich ausgegangen. Drei Tage später liegt der Untersuchungsbericht auf Ihrem Tisch. Unter „Ursache” steht: Unachtsamkeit des Mitarbeiters.
Fertig. Akte zu.
Wenn Sie jetzt nicken, weil Sie das kennen, dann lesen Sie weiter. Denn genau in diesem Moment hat Ihre Unfalluntersuchung ihren größten Fehler bereits gemacht, noch bevor jemand eine einzige Folgemaßnahme formuliert hat.
Was dort wirklich passiert ist
Nicht beim Unfall. Sondern beim Schreiben des Berichts.
Der Mensch, der „Unachtsamkeit” als Ursache einträgt, begeht einen der am besten dokumentierten Denkfehler der Psychologie: den fundamentalen Attributionsfehler.
Das Prinzip ist einfach erklärt. Wenn etwas schiefläuft, neigen wir dazu, das Verhalten anderer Menschen auf deren Charakter oder Persönlichkeit zurückzuführen. Gleichzeitig blenden wir systematisch aus, welche Situation, welcher Kontext, welche Bedingungen dieses Verhalten überhaupt erst ermöglicht oder begünstigt haben.
Auf Deutsch: Wir sehen den Menschen. Wir sehen nicht das System, in dem er arbeitet.
Warum das ein Problem für Ihre Untersuchung ist
Stellen Sie sich vor, Sie fragen den Mitarbeiter nach dem Vorfall: „Warum haben Sie den Sicherheitsschritt übersprungen?”
Er sagt: „Ich weiß auch nicht. War wohl unaufmerksam.”
Und Sie denken: „Siehst du. Genau das steht auch im Bericht.”
Was Sie dabei übersehen: Menschen erklären ihr eigenes Verhalten in stressigen oder ungewohnten Situationen oft selbst mit Charakter statt mit Kontext. Das ist kein Zeichen von Ehrlichkeit. Das ist ein weiterer psychologischer Mechanismus, der Ihre Untersuchung in die falsche Richtung lenkt.
Die eigentlichen Fragen wären gewesen:
- Wie viele Stunden hatte der Mitarbeiter zu diesem Zeitpunkt bereits gearbeitet?
- War die Umrüstprozedur klar beschrieben, leicht auffindbar, aktuell?
- Gab es in den Wochen zuvor Zeitdruck, der dazu geführt hat, dass Sicherheitsschritte stillschweigend als „optional” galten?
- Hatte er diese Maschine schon einmal unter anderen Bedingungen umgerüstet, ohne dass etwas passiert ist?
Keine dieser Fragen findet sich im Bericht. Weil „Unachtsamkeit” die Untersuchung beendet hat, bevor sie richtig begonnen hat.
Was das konkret für Ihre Maßnahmen bedeutet
Wenn die Ursache „Unachtsamkeit” ist, dann ist die logische Maßnahme: den Mitarbeiter ermahnen, eine Unterweisung wiederholen lassen, vielleicht einen Aushang erneuern.
Diese Maßnahmen ändern nichts am System. Sie verändern nichts an den Bedingungen, die dazu geführt haben, dass ein Mensch in einer bestimmten Situation einen Schritt übersprungen hat. Und sie verhindern den nächsten Unfall nicht, weil beim nächsten Mal ein anderer Mitarbeiter unter ähnlichen Bedingungen eine ähnliche Entscheidung treffen wird.
Sie haben den falschen Film gesehen und daraus die falsche Lektion gezogen.
Wie strukturierte Ursachenanalyse diesen Fehler verhindert
Eine methodisch saubere Ereignisanalyse beginnt nicht mit der Frage „Wer hat was falsch gemacht?” Sie beginnt mit der Frage: „Was musste alles gleichzeitig wahr sein, damit dieser Unfall genau so passieren konnte?”
Das zwingt das Untersuchungsteam, den Kontext systematisch zu rekonstruieren. Zeitdruck, Prozedurenqualität, Trainingsstatus, Kommunikationsmuster, Führungsverhalten, technische Zuverlässigkeit der Anlage. All das landet auf dem Tisch, bevor jemand das Wort „Unachtsamkeit” auch nur denkt.
Das Ergebnis sind Maßnahmen, die ins System eingreifen. Die etwas verändern. Die nachweisbar wirken.
Was Sie beim nächsten Vorfall konkret tun können
Nehmen Sie Ihren letzten Unfallbericht zur Hand. Suchen Sie unter „Ursachen” nach Begriffen wie: Unachtsamkeit, Ablenkung, mangelnde Sorgfalt, Fehlverhalten, Regelverstoß.
Wenn Sie einen dieser Begriffe finden, ist Ihre Untersuchung zu früh stehengeblieben.
Hier ist, was Sie beim nächsten Vorfall anders machen, konkret und sofort umsetzbar:
1. Fehlverhalten als Startpunkt, nicht als Endpunkt behandeln.
Sobald Sie in der Untersuchung auf ein Fehlverhalten stoßen, also auf einen übersehenen Schritt, eine falsche Entscheidung oder einen Regelverstoß, hören Sie dort nicht auf. Das ist der Moment, in dem die eigentliche Untersuchung beginnt.
2. Mindestens zweimal weiter fragen.
Stellen Sie nach jedem Fehlverhalten mindestens zweimal die Frage „Warum?” weiter. Ein Beispiel aus der Praxis:
Befund: Der Mitarbeiter hat den Sicherheitsschritt übersprungen.
Warum? Weil er die Umrüstprozedur auswendig gemacht hat und nicht mehr in die Checkliste geschaut hat.
Warum? Weil die Checkliste an der Maschine seit Wochen fehlt und niemand eine neue ausgehängt hat.
Warum? Weil es keine klare Zuständigkeit gibt, wer nach einem Aushang schaut und wer nachbestellt.
Die erste Antwort zeigt Ihnen den Menschen. Die dritte Antwort zeigt Ihnen das System. Und nur das System können Sie dauerhaft verändern.
3. Den Kontext dokumentieren, nicht nur den Fehler.
Halten Sie in Ihrem Bericht fest, unter welchen Bedingungen der Mitarbeiter gearbeitet hat. Schichtlänge, Verfügbarkeit von Arbeitsmitteln, Qualität der Prozessbeschreibungen, aktuelle Belastungssituation im Team. Diese Informationen sind die Grundlage für wirksame Maßnahmen im Sinne des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses.
4. Maßnahmen am System ansetzen, nicht am Menschen.
Fragen Sie bei jeder geplanten Maßnahme: „Würde diese Maßnahme auch dann wirken, wenn morgen ein anderer Mitarbeiter dieselbe Aufgabe übernimmt?” Wenn die Antwort nein ist, greifen Sie zu kurz.
Diese vier Schritte kosten Sie in der Untersuchung zwanzig Minuten mehr. Sie sichern Ihnen dafür den nächsten Vorfall nicht nur auf dem Papier, sondern in der Realität.
Sie möchten wissen, wie eine strukturierte Untersuchung in Ihrem Unternehmen oder Ihrer Klinik konkret aussehen würde? Dann sprechen wir darüber. Ohne Verkaufsgespräch, ohne Präsentation. Nur eine klare Einschätzung Ihrer Situation.

SigmaConsult Unternehmensberatung
Peter Cartus
Am Scheibchen 17
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