Interviewerin bei der Ursachenanalyse eines Arbeitsunfalls – Rückspiegel zeigt Lagerunfall als Symbol für Rückschaufehler und Bestätigungsfehler

Rückschaufehler & Bestätigungsfehler in der Ursachenanalyse

Warum Befragungen nach Unfällen oft scheitern

Nach einem Arbeitsunfall oder einem schweren Qualitätsfehler klingt es oft so: „Das musste ja mal passieren” oder „Ich habe das schon lange kommen sehen.” Was wie eine nüchterne Einschätzung klingt, ist in Wirklichkeit ein erster Denkfehler — und er kann die gesamte Ursachenanalyse zum Scheitern bringen, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Dieser Denkfehler heißt Rückschaufehler (Hindsight Bias). Menschen neigen dazu, nach dem Eintreten eines Ereignisses dessen Vorhersehbarkeit massiv zu überschätzen. Das Wissen um den Ausgang verändert rückwirkend die Wahrnehmung: Was für die handelnde Person in der Situation alles andere als offensichtlich war, erscheint im Nachhinein fast schon zwingend logisch.

Für eine sachliche Ursachenanalyse ist das fatal. Denn wer glaubt, dass der Vorfall für den Betroffenen vorhersehbar war, geht mit einer fertigen Hypothese in die Untersuchung: „Da hat jemand einen dummen Fehler gemacht.”

Karikatur: Besprechung nach einem Arbeitsunfall – Kollegen denken „Das musste ja so kommen

„Hinterher schlauer sein ist eine exakte Wissenschaft.” — Autor unbekannt


 

Der zweite Denkfehler: Wenn Fragen keine Antworten mehr suchen

Genau hier übernimmt ein zweiter, noch wirkungsmächtigerer Bias das Steuer: der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias).

Ob Vorgesetzter, Sifa oder Qualitätsmanager — wer das Interview führt, ist anfällig für denselben Mechanismus. Wer bereits von einem Mitarbeiterfehler überzeugt ist, sucht im Gespräch unbewusst nur noch nach Informationen, die diese Überzeugung stützen. Widersprechende Hinweise werden übersehen, abgetan oder gar nicht erst erfragt. Aus einer ergebnisoffenen Befragung wird so unbemerkt ein Gespräch mit eingebauter Richtung.

Psychologen nennen diesen Mechanismus auch selbsterfüllende Prophezeiung: Die Erwartung des Interviewers formt das Ergebnis der Befragung aktiv mit. Auch wenn zu Beginn des Gesprächs ausdrücklich betont wird, dass kein Schuldiger gesucht wird, bestimmt die innere Haltung des Fragestellers, welche Fragen gestellt — und welche Antworten gehört — werden.

In der Praxis zeigt sich das an konkreten Mustern:

  • Es werden Suggestivfragen gestellt: „Warum haben Sie nicht …?”
  • Antworten werden vorweggenommen oder umformuliert, bis sie zur Erwartung passen
  • Das Notizbuch wird genau dann zugeklappt, wenn der Befragte sagt: „… da muss ich wohl einen Fehler gemacht haben”
  • Systemische Faktoren wie Zeitdruck, unklare Anweisungen oder fehlende Ressourcen bleiben ungefragt

Für den Betroffenen fühlt sich das nicht mehr wie eine sachliche Untersuchung an — sondern wie ein Verhör. Er beginnt, sich zu schützen, relativiert, erklärt sich oder sucht nach Ausflüchten. Genau dadurch gehen die Informationen verloren, die für eine wirksame Prävention entscheidend wären. Er wird nicht mehr „aus dem Nähkästchen plaudern”, warum er in der jeweiligen Situation so und nicht anders gehandelt hat — obwohl genau das das eigentliche Ziel der Befragung sein sollte.


 

Was wirklich auf dem Spiel steht

Am Ende solcher Befragungen steht ein scheinbar klares Ergebnis: „Hauptursache: Mitarbeiterfehler” oder „Der Unfall war verhaltensbedingter Natur.” Diese Schlussfolgerungen wirken eindeutig — sind aber oft zu kurz gegriffen.

Denn wenn Rückschaufehler und Bestätigungsfehler das Interview geprägt haben, bleiben systemische Ursachen unsichtbar:

  • Unklare oder widersprüchliche Arbeitsanweisungen
  • Ungeeignete oder fehlende Betriebsmittel
  • Zeitdruck und konkurrierende Ziele
  • Fehlende Rückmeldemöglichkeiten oder Eskalationswege
  • Situationen, in denen ein Abbruch der Aufgabe praktisch nicht vorgesehen war

Und die „Verbesserungsmaßnahmen”, die danach folgen? Sie können nicht verhindern, dass kurze Zeit später der nächste Unfall oder schwerwiegende Qualitätsfehler passiert. Wer systemische Bedingungen nicht sichtbar macht, kann keine wirksamen Maßnahmen entwickeln.


 

Wie Sie beide Denkfehler in der Praxis vermeiden

Schritt 1 — Reflexion vor dem Interview:
Machen Sie sich bewusst: Was wissen Sie über den Ausgang — und was konnte die handelnde Person in der Situation tatsächlich wissen? Trennen Sie konsequent Ihr heutiges Wissen von der damaligen Perspektive des Betroffenen. Das ist die Grundvoraussetzung, um den Rückschaufehler zu neutralisieren.

Schritt 2 — Ergebnisoffene Gesprächsführung:
Starten Sie nicht mit einer Hypothese, sondern mit einer Rekonstruktion. Ziel ist nicht, warum jemand versagt hat, sondern wie die Situation aus der Perspektive des Betroffenen entstanden ist.

Hilfreiche Einstiege:

  • „Bitte schildern Sie den Ablauf ab dem Moment, an dem die Aufgabe für Sie begann.”
  • „Welche Informationen standen Ihnen in diesem Moment zur Verfügung?”
  • „Was war ungewohnt, unklar oder anders als sonst?”
  • „Was hätte Ihnen geholfen, die Situation anders einzuschätzen?”

Schritt 3 — Aktives Gegensteuern gegen den Bestätigungsfehler:
Fragen Sie auch aktiv nach Faktoren, die Ihrer Ausgangsthese widersprechen könnten. Wenn Sie vermuten, dass ein Mitarbeiter unaufmerksam war — fragen Sie auch nach Rahmenbedingungen, die Aufmerksamkeit erschwert haben könnten. Nur so entsteht ein vollständiges Bild.

Schritt 4 — Zusammenfassen und rückkoppeln:
Wiederholen Sie mit eigenen Worten, was Sie gehört haben, und fragen Sie: „Habe ich das richtig verstanden?” Das schützt vor unbewussten Verzerrungen bei der Interpretation und gibt dem Befragten Raum zur Korrektur.


 

Was Sie nach dem Interview wissen sollten

Ein gutes Interview ist dann abgeschlossen, wenn Sie folgende Fragen aus der Perspektive des Betroffenen beantworten können:

  • Was hat er in der jeweiligen Situation konkret gemacht?
  • Welche Informationen standen ihm zur Verfügung — und welche nicht?
  • Welche Umgebungsbedingungen herrschten zum Zeitpunkt des Vorfalls?
  • Welche Betriebsmittel standen ihm zur Verfügung?
  • Wusste er genau, wie er die Aufgabe ausführen sollte?
  • Warum hat er niemanden über seine Schwierigkeiten informiert?
  • Warum hat er die Aufgabe trotz unerwarteter Schwierigkeiten nicht abgebrochen?
  • Was wünscht er sich, um eine Wiederholung des Vorfalls zu vermeiden?

Können Sie diese Fragen nach dem Gespräch beantworten, haben Sie die Grundlage für eine wirksame Ursachenanalyse — und für Maßnahmen, die wirklich greifen.


 

Fazit: Zwei Denkfehler — ein gemeinsames Ergebnis

Der Rückschaufehler erzeugt die vorschnelle Gewissheit, dass ein Vorfall vorhersehbar war. Der Bestätigungsfehler sorgt anschließend dafür, dass genau diese Gewissheit im Interview scheinbar bestätigt wird. Zusammen erzeugen sie ein Untersuchungsergebnis, das wenig mit der Realität zu tun hat — aber sehr gut zur Ausgangsannahme passt.

Eine wirksame Ursachenanalyse beginnt deshalb nicht mit einer Antwort, sondern mit echter Neugier: Was hat diese Person in dieser Situation tatsächlich erlebt? Wer diese Frage ernsthaft stellt, bekommt Antworten, die Prävention wirklich möglich machen.

Kennen Sie weitere Stolpersteine bei der Ursachenanalyse? Schreiben Sie mir — ich freue mich auf den Austausch.

Sie möchten den Beitrag kommentieren?

SigmaConsult Unternehmensberatung
Peter Cartus
Am Scheibchen 17
66620 Nonnweiler

Tel: 0176 47804074
E-Mail: info@peter-cartus.de

Sie wollen jetzt Ihre Arbeitsunfälle, Kundenreklamationen, Never Events, Qualitätsprobleme, Mitarbeiterfehler usw. in den Griff bekommen.

Das schreiben Sie mir doch eine kurze Nachricht. Ich melde mich umgehend bei Ihnen.